"Ich kann nicht mehr."
Wenn die Welt zu laut und die Kraft zu wenig wird.
Es ist ein Satz, der oft leise beginnt. Vielleicht als flüchtiger Gedanke am Wochenende, wenn der Schatten des kommenden Montags über die Freizeit fällt. Doch irgendwann wird er laut. Er hallt in der Stille des Büros, in der Hektik des Familienalltags oder mitten in der Nacht, wenn das Gedankenkarussell nicht stoppen will. Was du jetzt tun kannst.

Wenn du an dem Punkt stehst, an dem du sagst: "Ich kann nicht mehr", dann fühlst du dich vermutlich isoliert. Doch die Wahrheit ist: Du reagiest auf eine Welt, die sich in einem beispiellosen Zustand der Überforderung befindet. Dieser Artikel ist kein klassischer "Tschakka-Ratgeber". Er ist eine tiefgehende Analyse dessen, was du gerade durchmachst, und ein Wegweiser zurück zu deiner Handlungsfähigkeit – in deinem eigenen Tempo.
Die Anatomie der Erschöpfung – Warum gerade jetzt?
Die Generation der heute 30- bis 50-Jährigen trägt oft eine Last, die mancherorts als "Sandwich-Belastung" bezeichnet wird. Sie stehen zwischen den Erwartungen der älteren Generation (Pflege, Tradition, Erbe) und der Sorge um die jüngere Generation (Erziehung, Zukunftschancen, Auswirkungen der Klimakrise, psychische Gesundheit der Kinder).
Die biologische Grenze des "Funktionierens"
Unser Gehirn verfügt über ein hocheffizientes Stresssystem. Wenn wir eine Bedrohung wahrnehmen, schüttet der Körper Cortisol und Adrenalin aus. Das war früher lebensnotwendig, um vor dem Säbelzahntiger zu fliehen. Das Problem heute: Der Tiger geht nicht mehr weg. Er heißt jetzt "ständige Erreichbarkeit", "politische Instabilität" oder "Existenzangst". Wenn dieser Zustand chronisch wird, fehlt die Erholungsphase, die der Anspannungsphase gegenüberstehen sollte. Die Folge: Unser Stress-Regulationssystem gerät aus dem Gleichgewicht. Das Ergebnis ist das Gefühl, innerlich "ausgebrannt" zu sein. "Ich kann nicht mehr" ist dann kein Ausdruck von Unwillen, sondern ein biologisches Notsignal Ihres Nervensystems. Mehr zu Phasen einer Burnout-Entwicklung findest du hier.
Der unsichtbare Rucksack – Die Last der Polykrise
Wir leben in einer Zeit, in der private Sorgen auf eine massive globale Instabilität treffen. Dies kann zu einer psychischen Dauerbelastung fühen, die viele Menschen unterschätzen.
1. Politische Instabilität in Deutschland, Österreich und Europa
In Ländern wie Deutschland und Österreich war Stabilität über Jahrzehnte ein Grundpfeiler des Lebensgefühls. Die aktuelle politische Polarisierung, das Erstarken extremer Ränder und das Gefühl einer handlungsunfähigen Politik nagen an unserem Sicherheitsbedürfnis. Wenn das "Außen" wackelt, muss das "Innen" doppelt so viel Haltearbeit leisten.
2. Krieg in unmittelbarer Nachbarschaft
Der Krieg in der Ukraine und Russland, die Spannungen im Nahen Osten und in den USA, Auswirkungen von Waldbränden auf griechischen Inseln oder Taifunen in asiatischen Ländern in sind nicht mehr ausschließlich "ferne" Nachrichten. Sie beeinflussen die Energiepreise, die Inflation und können transgenerationale Traumata wecken. Viele von uns haben Eltern oder Großeltern, die Flucht und Krieg erlebt haben. Diese alten Ängste können durch die aktuelle Lage reaktiviert werden - insgesamt gibt es derzeit viele Gründe, die sich negativ auf unser Sicherheitsgefühl auswirken können.
3. Die Klimakrise und Zukunftsängste
Die Zunahme von Umweltkatastrophen – seien es die verheerenden Hochwasser und Waldbrände auch in Mitteleuropa oder die extremen Hitzeperioden – erzeugt oft eine spezifische Form der Hoffnungslosigkeit. Besonders für Eltern kann die Frage "Wie wird es meinen Kindern in der Zukunft ergehen?" zu einer starken psychischen Belastung werden, die oft im Stillen ertragen wird.
News-Hygiene – Schutzraum für die Psyche schaffen
In einer Welt des "Doomscrollings" ist Aufmerksamkeit die wichtigste Währung. Um aus dem Modus des "Ich kann nicht mehr" herauszukommen, müssen wir die Kontrolle über unsere Informationszufuhr zurückgewinnen.
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Vermeidung von Schockbildern: Das menschliche Gehirn verarbeitet Bilder emotionaler als Texte. Wenn du die Nachrichtenlage verfolgen möchtest, empfiehlt es sich, seriöse Qualitätszeitungen zu lesen oder entsprechende Podcasts mit einordnenden Analysen zu hören, statt kurze, reißerische Social-Media-Clips zu schauen.
Empfehlungen sind hier: der Falter-Podcast, die Podcasts von dieZeit.de, der Politik-Podcast von Anne Will. Solltest du weitere Empfehlungen kennen, schreib mir gern.
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Die 20-Minuten-Regel: Begrenze deinen Nachrichtenkonsum auf maximal 20 Minuten am Tag. Falls es dir hilft, stell dir einen Timer, der nach 20 Minuten klingelt - und stell dann die Nachrichten wirklich ab. Vielleicht möchtest du auch einen festen Zeitpunkt etablieren, an dem du dich informierst, und den Rest des Tages nimmst du zwar den Impuls wahr, zum Handy greifen zu wollen, entscheidest dich dann jedoch dagegen. Das ist auch mit viel Übung verbunden und wird mit der Zeit leichter. Helfen kann hierbei ein Achtsamkeitstraining.
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Konstruktiver Journalismus: Suche gezielt nach Nachrichtenportalen, die auch Lösungen und Fortschritte aufzeigen (z. B. "Good News" Portale). Das Gehirn braucht den Gegenpol zum Katastrophismus, um nicht in der "erlernten Hilflosigkeit" zu versinken. Beispiele hierfür sind: GoodNews.eu, das GoodNewsMagazin, konstruktive Nachrichten von ZDF, Gute Nachrichten aus dem Natur- und Artenschutz vom WWF, Gute Nachrichten von der ZEIT, ...
Wie du Hilfe annehmen kannst, wenn das Vertrauen beschädigt ist
Viele Menschen, die heute über 30 sind, haben bereits erste Erfahrungen im Bereich von Psychotherapie, Coaching, psychosozialer Beratung, etc. gemacht. Nicht alle waren gut. Vielleicht hattest du eine Therapie, die sich wie eine bloße "Abfertigung" anfühlte, oder du bist an Berater:innen geraten, die deine Lebensrealität nicht verstanden haben. Deshalb fällt es dann oft schwer, sich erneut auf eine mögliche Unterstützung einzulassen. Warum sollte es schließlich diesmal besser laufen?
Warum Skepsis ein gesundes Zeichen ist
Sollte dich das auch betreffen, so ist deine derzeitige Unsicherheit kein Hindernis, sondern ein völlig nachvollziehbarer Schutzmechanismus. Dieser zeigt, dass du auf dich aufpassen willst - und genau so soll es sein. Wenn du einen neuen Versuch wagst, kannst du auf folgende Punkte achten:
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Augenhöhe statt Hierarchie: Ein:e gute:r Therapeut:in oder Coach:in sieht sich als Expert:in für die Methode, erkennt dich aber als Expert:in für dein Leben an. Falls du dich belehrt fühlst, ist es nicht die richtige Adresse.
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Transparenz der Methoden: Frage nach, zum Beispiel: "Wie genau hilft mir das in meinem Alltag?" Seriöse Hilfe kann den Nutzen ihrer Methoden erklären, ohne in Fachchinesisch zu verfallen.
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Die Macht der Passung: Es zeigt sich immer wieder, dass die therapeutische Beziehung wichtiger ist, als die spezifische Schule oder Methodik. Du kannst daher z.B. die ersten zwei bis drei Sitzungen als "Ausprobier-Einheiten" sehen, in welchen du dir ein Bild davon machst, ob du mit dieser Person über längere Zeit zusammenarbeiten möchtest. Falls die Chemie nicht stimmt, darf und sollte man wechseln.
Vom Teufelskreis aus Scham und Leistung
In unserer Leistungsgesellschaft und in Zeiten von beschönten Social-Media-Darstellungen kann das Gefühl, "versagt" zu haben, zunehmen. Man vergleicht sich dann mit den geschönten Lebensentwürfen auf LinkedIn oder Instagram und denkt auch, die "anderen" hätten alles viel mehr unter Kontrolle, als man selbst.
Zunächst ist hier wichtig festzuhalten: Das Bild täuscht sehr oft. Noch immer leben wir in einer Kultur, in der das Zugeben von Unsicherheiten schnell verurteilt wird, was dazu führt, dass sehr wenige Menschen den Mut aufbringen, sich verletzlich zu zeigen. Deshalb habe ich übrigens den Podcast stark und unsicher ins Leben gerufen, mehr zum Podcast findest du hier.
Dazu kommt der Mythos der Resilienz: Oft wird Resilienz als eine Art "Superkraft" missverstanden, durch die man alles klaglos erträgt. Echte Resilienz bedeutet aber auch, die eigenen Grenzen zu kennen und rechtzeitig "Stopp" zu sagen. Wichtig ist hier eine Entstigmatisierung: Psychische Erschöpfung ist eine physiologische Reaktion auf Überlastung, vergleichbar mit einem Knochenbruch nach einem Sturz. Niemand würde sich für einen gebrochenen Arm schämen – wir sollten also unsere Psyche mit der gleichen Sachlichkeit behandeln.
Strategien zur sofortigen Entlastung (Micro-Habits)
Wenn das große Ganze zu viel ist, helfen kleine Anker im Alltag. Diese ersetzen keine Therapie, können aber den Druck im Kessel senken:
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Vagus-Nerv-Aktivierung: Kaltes Wasser im Gesicht oder gezielte Atemübungen (4 Sekunden ein, 6 Sekunden aus) signalisieren dem Körper biochemisch, dass keine akute Lebensgefahr besteht.
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Radikale Akzeptanz: Akzeptiere für einen Moment, dass du gerade nicht mehr kannst. Der Kampf gegen die Erschöpfung verbraucht oft mehr Energie als die Erschöpfung selbst. Die nächste Frage darf lauten: Was würde mir jetzt gerade gut tun? Sind es ein paar Momente auf der Couch, wo du die Augen schließt? Eine Tasse Tee? Ein Spaziergang? Mach genau das. Falls du Betreuungspflichten hast, hol dir Unterstützung oder schätze die Situation ein, ob du dir 2 Minuten für dich nehmen kannst. Klein aber fein - auch kurze Momente können einen riesigen Unterschied machen.
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Soziale Filterung: Umgib dich mit Menschen, bei denen du nicht "stark sein" musst. Distanziere dich vorübergehend von Personen, die zusätzliche Forderungen stellen oder deine Lage bagatellisieren.
Notfall-Verzeichnis und Soforthilfe (DACH-LI-LU)
Solltest du das Gefühl haben, die Kontrolle komplett zu verlieren, findest du hier professionelle Anlaufstellen, die 24/7 für dich da sind. Zögere nicht - lieber einmal zu viel angerufen, als zu wenig. Kostenlos und anonym.
Deutschland (DE)
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Telefonseelsorge: 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222
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Nummer gegen Kummer (für Kinder, Jugendliche, Eltern): 0800 111 0 550
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Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen: 116 016.
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Hilfetelefon Gewalt an Männern: 0800 123 99 00.
Österreich (AT)
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Telefonseelsorge, Notruf: 142.
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Rat auf Draht (für Kinder/Jugendliche/Eltern): 147.
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Frauenhelpline gegen Gewalt: 0800 222 555.
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Männernotruf: 0800 246 247.
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Gewaltschutzzentrum: 0800 700 217
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Sozialpsychiatrischer Notdienst (Wien): 01 31330.
Schweiz (CH)
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Die Dargebotene Hand: 143.
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Beratung für Eltern (Pro Juventute): 058 261 61 61.
Liechtenstein (LI)
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Krisenintervention (KIT): +423 230 05 06
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Frauenhaus Liechtenstein: + 423 380 02 03
Luxemburg (LU)
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SOS Détresse (Seelsorge): 45 45 45.
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Frauen in Not (Femmes en détresse): 0035 244 81 81
Europaweiter Notruf
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In allen genannten Ländern: Euronotruf 112 (Bei akuter Gefahr für Leib und Leben).
Fazit – Dein "Ich kann nicht mehr" ist ein Anfang, kein Ende
Wenn du an diesem Punkt stehst, fühlt es sich vielleicht wie eine Sackgasse an. Doch psychologisch gesehen ist die Erkenntnis, dass die alten Strategien nicht mehr funktionieren die notwendige Voraussetzung für echte Veränderung. Nimm dich und deine Bedürfnisse ernst, um ein besseres Leben für dich und dein Umfeld möglich zu machen.
Du musst die Welt nicht allein retten, und du musst auch dich selbst nicht von heute auf morgen "reparieren". Der Weg zurück beginnt mit der Erlaubnis, schwach sein zu dürfen. Schön, dass du da bist. Schön, dass du dir nun erlaubst, dir Hilfe zu holen.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
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Woran erkenne ich den Unterschied zwischen normaler Müdigkeit und psychischer Erschöpfung?
Normale Müdigkeit verschwindet nach ausreichend Schlaf oder einem entspannten Wochenende. Psychische Erschöpfung hingegen bleibt bestehen, egal wie viel oder oft du dich ausruhst. Oft kommen Gefühle von Sinnlosigkeit, Reizbarkeit und körperliche Symptome wie Verspannungen oder Verdauungsprobleme hinzu. Hier findest du weitere Informationen zu Burnout-Anzeichen und Burnout-Phasen.
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Wie finde ich einen Therapieplatz, wenn alles überlaufen ist?
In Deutschland: der Patientenservice hilft weiter (116 117), oder die Psychotherapiesuche online
In Liechtenstein: Informationen erhältst du beim Berufsverband BPL
In Luxemburg: Werde fündig beim Portal doctena, oder beim Psyregister SLP
In Österreich: Erhalte Infos beim Portal Psyonline, beim Portal Psychotherapie.at, und bei Erst reden - gleich besser
In der Schweiz: das Portal Psyfinder, das Portal sbap, die Therapievermittlung ZGPP, und das Portal doc24 geben dir weitere Informationen
Überall: Ziehe auch seriöse Online-Therapie-Plattformen, psychosoziale Beratung und Coaching in Erwägung, die oft kürzere Wartezeiten haben und einen ersten niederschwelligen Zugang ermöglichen. In akuten Krisensituationen wende dich bitte an eine der Notfall-Telefonnummern.
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Was kann ich tun, wenn mein:e Partner:in kein Verständnis für meine Lage hat?
Oft rührt Unverständnis aus eigener Angst oder Hilflosigkeit her. Hier kann es helfen, deine Gefühle als "Ich-Botschaften" zu kommunizieren ("Ich fühle mich gerade überfordert" statt "Du unterstützt mich nie"). Manchmal hilft ein gemeinsames Gespräch bei einer Beratungsstelle oder in einem Coaching, um die Sprachlosigkeit zu überwinden.
Mögliche weitere Schritte
Du hast bis hierher gelesen? Das zeigt, dass ein Teil von dir nach Lösungen sucht. Das ist ein starkes Zeichen! Mögliche weitere Schritte:
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Du befindest dich aktuell in einer Krise? Dann ist es nun an der Zeit, die Suche nach einer passenden Unterstützung zu priorisieren. Schau nochmal hier (Notruf-Nummern) und hier (FAQ).
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Möchtest du ein Erstgespräch bei waldzeit Coaching? Hier kannst du Kontakt aufnehmen.
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Möchtest du ein Gespräch über mentale Gesundheit mit Jimmy Westerheim von der norwegischen Stiftung "The Human Aspect" hören? Jetzt Interview mit Jimmy anhören (auf Englisch)
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Möchtest du mehr über Belastung und Stress erfahren? Hier kannst du weiterlesen.

